Open Source News vom Linux Verband
Open-Source-Strategie von Oracle hinterlässt Zweifel
Offenbar interessiert sich die Firma nur für die Perlen.
Wer sich einen Reim auf die Open-Source-Ausrichtung von Oracle zu machen versucht, stand schon vor Jahren vor einem Wald von Fragezeichen. Seit der Übernahme von Sun ist es ein Urwald geworden.
Bekanntermaßen hält Oracle-Chef Larry Ellison ganz und gar nichts von Open Source. Aber er ist smart genug, die Realitäten der IT-Welt, ihre Trends nicht zu ignorieren. Also haben seine Adlati schon lange Open Source auf dem Radar. Beispiel 1: Oracle interessierte sich für Jboss; diese Firma aber empfand das als Bedrohung und flüchtete sich in die Arme von Red Hat. Worüber Ellison so erbost war, dass er den Linux-Distributor zu kaufen versuchte. Das klappte nicht, wofür sich Oracle mit einer eigener Linux-Variante „Unbreakable Linux“ rächte, schlicht und einfach ein Red-Hat-Fake.
Beispiel 2: Als sich immer mehr Anwender mit den Features von MySQL beschieden, statt die teure Oracle-Datenbank zu verwenden, reduzierte das die möglichen Lizenzverkäufe. Oracle fand die weiche Stelle der Open-Source-Konkurrenz, ihre Speicher-Engine. Diese InnoDB kam vom finnischen Softwarehaus Innobase OY. Oracle kaufte den Laden. Das zwang MySQL dazu, sofort alle Entwicklungsarbeiten an der eigenen Datenbank auf Eis zu legen, um eine eigene Storage-Engine zu schreiben.
Mit der Übernahme von Sun hat Oracle einen ganzen Sack Open-Source-Produkte bekommen.Um zu belegen, wie engagiert Oracle in Sachen Open Source sei, hat das Unternehmen im Juli dieses Jahres alles aufgelistet. Darunter sind folgende Produkte: Berkeley DB, Glassfish, InnoDB, Java, Java ME (Micro Edition), Oracle Unbreakable Linux, MySQL, Netbeans, OpenJDK, OpenOffice.org, OpenSolaris und Virtual Box. Außerdem rühmt Oracle sein Engagement bei Eclipse, Xen und einer Reihe weiterer Projekte.
Es fällt sofort auf, dass fast aller dieser Produkte von Sun kommen. Oracle's Open-Source-Historie ist das Sun-Erbe. Und offenbar hat Oracle noch etwas von Sun geerbt, nämlich die Unfähigkeit, sich in Sachen Open-Source zu positionieren. Oracle verhält sich wie Sun in den ersten fünf Jahren des neuen Jahrhunderts: Auf Bekenntnisse zu Open Source folgen schnell Rückzieher oder gegenteilige Praxis.
Bei Sun war es schließlich Simon Phipps, der schließlich rechte Hand von Firmenchef Jonathan Schwartz und für Open Source zuständiger Topmanager war, der die neue Linie schließlich durchsetzte. Bei Oracle ist bisher keine analoge Besetzung auszumachen. Die wichtigste Person scheint John Fowler zu sein, Executive Vice President Systems.
Fowler hat sich kürzlich mehrmals zu seinem Kernthema Solaris geäußert, und zwar so eindeutig zweideutig, dass man jetzt annehmen kann, woher der Wind weht. Die gute Nachricht für Solaris-Anwender: Sun wird das Betriebssystem weiterentwickeln, dafür sogar Leute einstellen, um es im Verein mit verbesserten SPARC-basierenden Systemen zu einer starken Oracle-DB-Basis zu machen.
Die nächste Solaris-Version 11 soll mehr als einfaches Upgrade von der aktuellen Version 10 sein. Netzwerk-Stack, Threading-Code, Dateisysteme und Paketmanagement werden komplett überarbeitet. Bis dahin aber werden die Verbesserungen nicht mehr frei zugänglich sein. Von Fortschritten sollen zuerst die zahlenden Kunden profitieren; die aus Sun-Zeiten bekannten „Night-Builds“ entfallen. Wer trotzdem mitbekommen möchte, was Oracle vorhat und macht, muss Mitglied im „Technology Partner Program“ werden – wobei Oracle von Fall zu Fall über die Aufnahme entscheidet.
Mit keinem Wort hat Fowler OpenSolaris erwähnt, was allgemein als Brüskierung oder Ablehnung verstanden wird. Dieses Projekt einer Implementierung von Solaris auf Open-Source-Basis hat Sun noch energisch gefördert. Bei Oracle gab es nicht einmal einen Ansprechpartner. Daraufhin hat das Projekt-Leitungsgremium OpenSolaris Governing Board (OGB) Oracle ein Ultimatum gestellt, bis heute, dem 16.8.2010, einen entscheidungsbefugten Ansprechpartner zu benennen.
Das wird Oracle kaum jucken. Der Chief Technology Officer Edward Screven hat kürzlich erklärt: „Oracle hat nicht wirklich eine Open-Source-spezifische Strategie.“ Vielmehr sei Oracle „open for Business“. Darüber hinaus vermied in in seinem Artikel jede Erwähnung von Community, gemeinsamer Entwicklung und Reputation. Das Ansehen in puncto Open Source ist der Firma schnuppe.
Diese selbstbewusste Herangehensweise zeigt sich auch fast gleichzeitig im nächsten Fall: Oracle verklagt Google wegen angeblicher Verletzung von Patenten beim Mobile-Betriebssystem Android. Dafür hat Google nicht Java verwendet, sondern – zu Sun-Zeiten war das kein Problem – einen Java-Fork, die virtuelle Maschine Dalvik, über die nun Java-Applets laufen können. Oracle behauptet, das sei keine „Clean Room“-Entwicklung gewesen, wie Google erklärt. Außerdem meint Oracle, auch das Android Developer Kit würde eigene Patente verletzen.
Der Zwist könnte sich zur größten Patentrechtsschlacht in der US-Geschichte entwickeln. Und er hätte weit reichende Konsequenzen. Denn Oracle bedroht mit der Klage indirekt auch die Hersteller von Andriod-Smartphones. Die könnten mitten in einem Supergeschäft – Androids verkaufen sich in den USA gerade sogar besser als iPhones – kalte Füße bekommen. Auch bei der fast fertigen Alternative MeeGo dürften die Verantwortlichen noch einmal nachdenken.
Das Merkwürdige an der Oracle-Klage ist, dass die Firma genauso wie Google Mitglied im Open Invention Network (OIN), das eigentlich zum Ziel hat, Patentklagen gegen Open Source vorzubauen. Dessen Mitglieder verpflichten sich, nicht eigene Patente gegen Open-Source-Software geltend zu machen. Da stellt sich dann schon die Frage, wie sich Oracle in Sachen Open Source überhaupt stellt.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass Oracle nur an den eigenen Open-Source-Produkten Interesse hat, die den eigenen Intentionen am Markt entsprechen. Java und Eclipse sind im Umfeld der Datenbank zentrale Produkte. MySQL erschließt Low-end-Märkte und soll für die Oracle DB „anfixen“. Glassfish ließe sich einmal gegen Jboss positionieren. OpenOffice vermiest dem Erzfeind Microsoft zunehmend das Office-Geschäft.
Es scheint zumindest momentan also angebracht zu sein, die Klage von Oracle gegen Google nicht als „Angriff auf Open Source“ zu werten, wie der Anti-Patent-Lobbyist Florian Müller erkannt zu haben glaubt. Oracle sieht in einigen Open-Source-Produkten geschäftliche Möglichkeiten. Andere, die wie OpenSolaris solche anscheinend nicht bieten, fallen unter den Tisch.
Mit anderen Worten: Oracle hat kein Business-Modell für Open Source. Das Geschäft der Firma ist auch mit Open Source nicht anders als vor 20 Jahren. Genau das macht die Perspektiven für Open Source bei Oracle nicht gerade positiv, weil sie keine verlässliche Basis haben. Aber die Firma dürfte durch den täglichen Umgang mit Open-Source-Software im Business lernen, wie es einst Sun erging. Bis sie dann zu einer Erkenntnis kommt, könnten aber einige gute Produkte und Projekte über den Jordan gegangen sein. Das wäre der traurige Aspekt.
Aber Open Source hat ja einen Vorteil: Was einmal Open Source ist, bleibt es. Wir können mit dem Quellcode von heute weitermachen. Auch ohne Oracle. Bei genauem Hinsehen auch ohne Patentklagen.
*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in München.